| Lethe ( @ 2009-11-07 23:00:00 |
| Current mood: | melancholy |
| Entry tags: | luminary, warmth, whisper |
Asche auf mein Haupt
Es ist Nacht. Durch das einzige, kleine Fenster im Raum fällt kaltes Mondlicht hinein, gerade mal genug, um dein Antlitz zu bescheinen: klare Augen, deren Farbe ich immer schon mit dem Himmel assoziiere und die mich nun wie so oft starr anblicken, als würden sie in mein Innerstes sehen, das sanft erscheinende Haar, das ich zu berühren träumte und das im Moment zersaust dein Gesicht umrahmt, der Mund, der so selten zu mir spricht und in dieser Stille, die sich zwischen uns niedergelassen hat, kaum, dass wir alleine sind, zu einer dünnen, strammen Linie verschlossen ist. Das Gesicht eines Menschen, der es versteht, seine Emotionen unter einer Maske versteckt zu halten. Und tatsächlich, auch jetzt noch kann ich beim besten Willen nicht erahnen, was in dir vorgeht, regungslos, wie du vor mir verharrst, mir durch keinerlei verrätischere Gesten einen Hinweis darauf gebend, wie du dich fühlst, was du gerade denkst, fast so, als wollest du mir damit sagen, es betreffe mich nicht, nicht im geringsten, auch wenn ich in diesem Augenblick vor dir stehe und du deine Worte direkt an mich richtest und an keinen anderen.
Dann, unerwartet, anfangs ein wenig zögernd, langsam und für deine Verhältnisse fast leise, als ob es ausgerechnet dir schwer fiele, dies in Worte zu fassen, als ob du sie dir selbst zum ersten Mal sagst und dir der Gedanken auch wirklich bewusst wirst, sagst du mir: 'Geh. Geh fort. Verlass diesen Ort.' Ich nehme mir einen Moment, um diese Worte zu registrieren, starre wortlos in dein Gesicht, in die kalten Augen. Manchmal denke ich, es ist beneidenswert, wie du es vollbringst, selbst deine Stimme unter Kontrolle zu halten, so gefasst und deutlich, wie du eben zu mir gesprochen hast. Vielleicht bilde ich mir das Zögern ja auch nur ein, vielleicht interpretiere ich es falsch, vielleicht will ich mir bloss etwas einreden, da ich meine, dich gut zu kennen, da wir einander all die Jahre hinweg täglich gesehen haben, obwohl du mir stets kühl begegnet bist. Was auch immer es ist: Ich kann es nicht gehen lassen, ich werde mich nicht damit abfinden, dass du mir direkt in die Augen siehst und mir derart gefasst sagst, ich solle gehen. Mag sein, dass wir uns nicht gut verstehen. Mag sein, dass wir nie eng miteinander verbunden gewesen sind. Mag sein, dass du schlecht auf mich zu sprechen bist. Mag sein, dass meine Gefühle schon immer einseitig gewesen sind. Ich werde dich nicht allein hier zurücklassen. Ich werde dir in nichts nachstehen, also wende ich zuerst mein Gesicht ab, kehre dir dann den Rücken zu und sage, ebenso ruhig wie du, dass ich einen Weg finden werde, dich mit mir zu nehmen. Du wirst nicht zurückgelassen werden. Nicht, wenn ich es bin, dem du diese Worte sagst.
Und doch willst du meinen Entschluss nicht akzeptieren, sprichst meinen Namen, sobald ich mich umgedreht habe. 'Du hast mich gehört. So eine Chance kommt nicht so schnell wieder. Geh - ohne mich.' Ich höre draussen den Tumult. Das Feuer, das sich langsam ausbreitet, die Menschen in Aufruhr, die Schritte. Die Situation ist mir nicht fremd. Es ist nicht einfach, dir zu widersprechen, obwohl mein Entschluss nicht wankt, obwohl ich meinen Willen durchsetzen will. Ich weiss nicht wirklich, weshalb, aber ich glaube, sähe ich dir jetzt in die Augen, werde ich unfreiwillig deinem Blick ausweichen müssen. Ich will nicht, dass du das falsch aufnimmst. Daher bleibt mir nur, dir mit zugewandtem Rücken zu entgegnen: 'Du hast Recht. Eine solche Chance kriegt man nicht oft. Und weil sie nicht oft kommt, werde ich sie auch für dich ergreifen. Denkst du denn wirklich, da-' 'Komm mir nicht zu nahe. Ich begrüsse es nicht.' Deine schneidenden Worte bringen mich einen Moment lang zum Erstummen. Nun bist es du, der meinen Blick meidet, wie ich den deinen suche. Wem oder was versuchst du auszuweichen, du, der immer den Starken spielt, dich unnahbar gibst?
'Für wen hältst du mich? Glaubst du wirklich, ich würde dich allein zurücklassen?' 'Diesmal ist es anders. Die Gegner sind stärker, hartnäckiger. Es muss in ihrer Natur liegen. Diesmal wird es nicht so einfach sein, ihnen zu entkommen.' Selbst jetzt noch widersprichst du mir. Wirke ich denn wirklich wie ein Mensch, dessen Entschluss so leicht ins Wanken gebracht wird, der sich so leicht umstimmen lässt? Ist es das, was du von mir denkst? Dann werde ich dir zeigen, dass dem nicht so ist. Immerhin habe auch ich Entscheidungen, die mir wichtig sind, Dinge, die mir am Herzen liegen. Jemanden, der mir teuer ist. 'Ich muss nicht auf dich zu hören. Es ist rein an mir, was ich tu oder unterlasse.' Wir meiden den Blick des anderen nicht länger, sehen einander in die Augen, keine Spur von Unsicherheit in unseren Gesichtern. Du gehst einen Schritt auf mich zu, legst deine Hand neben die meine, als wärest du im Begriff, sie zu ergreifen. 'Hör zu.' Für einen Moment scheint sich der Lärm zu legen, es ist, als hätten wir inmitten dieses Chaos einen Bannkreis gezogen, als hätten wir ein Heiligtum errichtet, das alles um uns herum abschirmt. In diesem Augenblick der Stille erscheinst du mir näher als je zuvor.
'Es hat nicht sein sollen. Du und ich, wir sind nicht füreinander bestimmt, waren es nie. Selbst wenn es nicht so weit gekommen wäre, selbst wenn nichts vorgefallen wäre, hätten wir uns eines Tages getrennt, verschiedene Richtungen eingeschlagen, den eigenen Weg gehend, verschiedene Träume verfolgend. Es ist nur, dass es nun früher und auf eine andere Weise eingetroffen ist.' Du setzt deine Hand auf meinen Kopf und fährst mir sanft durchs Haar. Viel sanfter, als ich es erwartet habe, als ich es mir je erhofft habe. 'Geh, bevor es zu spät ist. Geh, [...].'
Ich habe heute einen Manhwa gelesen, dessen Erschaffer bereits zuvor ein Werk veröffentlicht hat, welches mich zutiefst berührte, wenn ich es bisher auch noch mit niemandem teilen konnte, und wurde erneut ergriffen. Dies ist die Wiedergabe einer Szene (elf Seiten, von links nach rechts gelesen) am Ende des fünften Bandes, wo die Übersetzung ihr Ende findet (ach ja, der Moment der Stille gen Ende ist nicht unbedingt da, aber es wirkte so, da die Doppelseite in der Mitte getrennt wurde, weswegen es wie ein wortloser Moment erscheint, wessen ich mir auch bewusst bin, aber ich dachte mir, es sei doch schön, dies zum Ausdruck zu bringen); zum Glück ist die dafür verantwortliche Scanlation-Gruppe aber noch aktiv an diesem Projekt, daher wird die Fortsetzung wohl nicht lange auf sich warten lassen. Ich kann mich gut in die Situation versetzen, sobald ich das Geschehen in eine uns vertrautere Ebene übertrage: Man befindet sich in einer Krise, es geht einem nicht gut, es geht der Beziehung nicht gut, und vielleicht täte man wirklich besser daran, dem Ganzen so bald wie möglich zu entfliehen, sich selbst aus der Lage zu befreien, um Schlimmerem zu entkommen, so lange es noch geht, und wahrscheinlich ist der Gegenüber sich dessen ebenso bewusst, weshalb er einen geradezu drängt, dies durchzuziehen, obwohl dies das Ende bedeutet, aber irgendwo fragt man sich dann doch, ob das das Richtige ist. Man hält inne, will die Situation gemeinsam bewältigen, das gemeinsam durchstehen, unabhängig davon, wie (un)realistisch dies auch scheint. Vielleicht ist das ja eine Prüfung, wer weiss. Vielleicht ist es gar der Partner, der einen hier prüft, die Aufrichtigkeit und Intensität der Gefühle in Frage stellt, die Treue testet, sich des Grads der Verbundenheit vergewissert, sehen will, woran er an einem ist, wie viel einem an ihm liegt. Es ist ja nicht so, als wäre mir das neu: Anderen Stolpersteine in den Weg legen und abwarten, ob sie hinfallen.